Gedanken zu gelesenen Büchern

Kurban Said (Essad Bey) - Ali und Nino

Essad Bey (eigentlich Lev Nussimbaum, ein aus Weißrussland stammender Jude, der später nach Deutschland emigrierte und dort zum Islam konvertierte) hat mit "Ali und Nino" eine faszinierende Liebesgeschichte zwischen Orient und Okzident geschaffen. Sie erzählt vom stolzen muslimischen Ali Khan Schirwanschir aus Aserbaidschan, der in die georgische Christin Nino verliebt ist.

Nach dem Abitur und unmittelbar vor der Oktoberrevolution, als seine Freunde sich bereits auf den Dienst in der zaristischen russischen Armee vorbereiten, versucht er, die Zustimmung von Ninos Eltern zu gewinnen, seine Frau zu werden. In ihren Gesprächen über die Zukunft nach dem großen Krieg wird deutlich, dass die aufgeklärte, gebildete Nino Sehnsucht nach europäischer Kultur verspürt, während Ali mit Herz und Tradition seinem orientalischen Heimatland und der Stadt Baku verbunden ist. In ihm widerstreiten die Gefühle aus den muslimischen Wurzeln seiner alten Familiengeschichte, der stolzen Khane Schirwanschir, mit der Bewunderung für die selbstbewusste und anspruchsvolle Nino, Tochter eines georgischen Fürsten.

Plötzlich wird er aus seinen Plänen und Träumen herausgerissen, als Nino von einem armenischen Nebenbuhler entführt wird. Gemeinsam mit seinen Freunden stellt er den Mann und bringt ihn um, wodurch er zwar seiner "Ehre" gerecht wurde und Ninos Leben nun in seiner Hand liegt, er aber von der Polizei gesucht und daher zur Flucht in ein Versteck in den daghestanischen Bergen gezwungen wird. In dieser schlichten Lebensgemeinschaft reflektiert er die Geschicke seines Volkes, bis eines Tages Nino vor ihm steht. Kurz darauf heiraten die beiden in muslimischem Ritus. Nino versucht aus Liebe ihr Bestes, sich dem einfachen und harten Leben in den Bergen anzupassen.

Die Geschichte nimmt mit der Russischen Revolution ihre Wendung; Ali und Nino können nach Baku zurückkehren, und Ali übernimmt militärische Verantwortung in der Verteidigung der Stadt gegen die Bolschewiken und für die muslimische Unabhängigkeit Aserbaidschans. Um Nino außer Gefahr zu bringen, soll sie bei seinen Verwandten im persischen Exil leben. Dort erfährt sie die im Vergleich zu Baku wesentlich konservativere muslimische Kultur im Teheraner Harem von Alis Onkel Assad. Sie empört die Gesellschaft durch ihr Verhalten; die explosive Mischung der Kulturen im Grenzgebiet von westlicher und östlicher Gesellschaft kommt plastisch zum Ausdruck.

Schließlich kehrt sie zurück nach Baku, um dort ein dem gesellschaftlichen Status Ali Khans gemäßes Domizil einzurichten, das sich freilich auch an den westlichen Standards orientiert. In diesem letzten Teil des Romans erreicht die Geschichte ihr dramatisches Ende, während Baku fällt gegen die russischen Bolschewiken. -

Dieses Buch bewegt durch die intensive Darstellung der widerstreitenden Werte und Traditionen, die den Erzähler Ali in innere Konflikte stürzen. Mit großer Ehrlichkeit und Authentizität werden dem Leser die Vorstellungen des Orientalen Ali nahegebracht, mit einer Selbstverständlichkeit, wie sie eigentlich nur von einem kulturellen Insider empfunden werden können. Der Leser nimmt daher vollständig die Sichtweise des traditionell geprägten, seine Kultur und Identität über alles liebenden Helden ein.

Die Schwierigkeiten in der Beziehung zu seiner großen Liebe Nino, deren christliche Prägung und deren intellektuelles Streben nach westlicher Kultur inmitten einer orientalischen Gesellschaft am Rande Europas den Muslim Ali immer wieder befremden und herausfordern, werden aus glaubhaft asiatischer Perspektive beschrieben und bewertet. Für den westlichen Leser ist dies eine faszinierende Variante der brandaktuellen Diskussionen um den "Clash of Civilizations". Der (im westlichen Sinne) hohe Bildungsgrad des Protagonisten erlaubt dabei eine gedankliche Auseinandersetzung, die für den westlichen Leser nachvollziehbar ist; gleichzeitig wird klar, wie schwierig die Loslösung von hochgeschätzten kulturellen Identitätsmerkmalen ist - die wir allzu häufig und selbstverständlich von den Menschen anderer Kulturkreise im Zuge der Modernisierung nach westlichem Muster erwarten.

Autor des Romans ist der Orient-Literat Essad Bey (eigentlich Lev Nussimbaum, 1905-1942). Als er aufgrund seiner jüdischen Herkunft auf der Flucht vor den Nationalsozialisten (deren Bewegung er sogar anfangs Sympathie entgegenbrachte) nach Italien umsiedelte, hinterließ er das Werk der Wiener Publizistin Elfriede von Ehrenfels, die es unter der Pseudonym Kurban Said veröffentlichte. Eine beeindruckende Darstellung seiner Biographie von Tom Reiss erschien 2005 unter dem Titel "The Orientalist" bei Random House, New York.

Kurban Said: "Ali und Nino" (erstmals erschienen 1937), List Taschenbuch, 2008, ISBN 978-3-548-60131-1

2.10.10 17:36

Werbung


bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)


 Smileys einfügen
Powered by 20six / MyBlog
Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung