Gedanken zu gelesenen Büchern

Imre Kertész - Roman eines Schicksallosen

Der 1929 geborene Autor Imre Kertész hat in seinem 1975 erschienenen Roman in Ich-Form die Erlebnisse des vierzehnjährigen jüdischen Jungen György Köves aus Budapest geschildert, der 1944 zunächst nach Auschwitz deportiert wird und anschließend in ein Arbeitslager bei Zeitz verlagert wird. Sein - durchaus nicht zu erwartendes - Überleben verdankt er einer Knieverletzung, aufgrund der er schließlich die Zeit bis zur Befreiung des Lagers durch die Amerikaner ca. ein Jahr nach seiner Verhaftung in der Krankenstation des Lagers Buchenwald verbringt.

Der Roman entwickelt sich aus der kindlichen Perspektive des Erzählers, der zunächst mit Verunsicherung den von Familie und Freunden dramatisch durchlebten Abschied seines Vaters zum "Arbeitsdienst" beschreibt (über dessen eigentliche Natur er nur vage Andeutungen von der Erwachsenen mitbekommt) und seinen neuen Tagesablauf als mit "Sondererlaubnis" auswärtig tätigen Zwangsarbeiters in einer Shell-Erdölraffinerie, nachdem er seine Gymnasialausbildung infolge der "Juden-Gesetze" abbrechen musste. 

Während des Bustransfers zu seinem Arbeitsplatz wird er eines Tages zusammen mit seinen Freunden verhaftet und anschließend per Güterwaggon zum Konzentrationslager Auschwitz deportiert.

Der so unvermittelt aus seinem Leben gerissene Junge nimmt die sich nun um ihn herum entwickelnden Ereignisse zunächst interessiert und staunend, ja stets mit gewissem Verständnis für die Umstände wahr. Die nüchterne, teils naive, teils frappierend kühl-logische Analyse der Vorgänge im Vernichtungs- und Arbeitslager erschüttert gerade durch ihre ruhige und unaufdringliche Erzählweise und die Dinge, die nicht gesagt werden, sich aber aus dem Kontext schließen lassen.

Neben der Verwunderung über gewisse Beobachtungen, etwa an sich selbst oder zwischen den Insassen und deren hierarchischer sozialer Struktur, Gruppenbildung usw. mischt sich paradoxerweise auch eine Art Bewunderung für die Organisation und das äußerlich ordentliche Auftreten der SS-Soldaten in dem kindlichen Beobachter.

Schritt für Schritt bewegt sich der Junge weiter im endlos scheinenden, entbehrungsreichen Lageralltag, nimmt Veränderungen zunächst an den anderen wahr, bis er feststellt, dass es vor allem die  Veränderungen an sich selbst sind, die seine Perspektive und seinen Bezugsrahmen verschieben.

Zum Ende des Romans entwickelt der junge Mann, denn als solcher muss er nach den tiefgreifenden Erfahrungen nun gelten, eine unglaublich klare, in ihrer Einfachheit berührende Sichtweise der Geschehnisse: Alle, die im Lager gefangenen und schließlich meist ermordeten Menschen, aber auch die Täter, Mittäter und Untätigen, sie alle gingen "Schritt für Schritt", in kleinen Zeiteinheiten, weiter in eine Zukunft, die zu jedem Zeitpunkt auch eine andere Wendung hätte nehmen können.

Rückblickend denkt der Leser an entscheidende, oft zufällige Details, etwa, dass der Junge gleich bei der Ankunft den lebensrettenden Hinweis von Mithäftlingen erhält, dass er unbedingt "16 Jahre alt sei" und "arbeiten wolle". So entgeht er dem sicheren Tod in den Gaskammern von Auschwitz ohne es zu wissen, obgleich ihm bereits nach kurzer Zeit klar wird, was es mit den Krematorien des Konzentrationslagers auf sich hat.

Auch die - auf seine Worten aggressiv und beleidigt reagierenden - alten Bekannten, die er zuletzt in Budapest wieder trifft, seien in ihrem Kampf ums "Überleben" im Krieg Schritt für Schritt ihren Weg gegangen, der auch anders hätte verlaufen können, uns so "kam" es zu den Deportationen, so "kam" der Krieg, so "kam" die Vernichtung, "kam" der Hunger, ... - die Formulierung, die von den unbeteiligt Beteiligten gern in schicksalergebener Weise verwendet wurde. Er macht daraus keine Vorwürfe, er sieht es vielmehr als sachliche Analyse, als Erklärung für das Unfassbare:

"Die Zeit hilft bei allem, und ich versuchte ihm zu erklären, wie es ist, an einem nicht gerade luxuriösen, im ganzen aber doch annehmbaren, sauberen und hübschen Bahnhof anzukommen, wie einem alles erst langsam, in der Abfolge der Zeit, Stufe um Stufe klar wird. Wenn man die eine Stufe hinter sich gebracht hat, sie hinter sich weiß, kommt bereits die nächste. Wenn man dann alles weiß, hat man auch alles bereits begriffen. ...  Gäbe es jedoch diese Abfolge in der Zeit nicht und würde sich das ganze Wissen geich dort auf der Stelle über uns ergießen, so hielte es unser Kopf vielleicht gar nicht aus, und auch unser Herz nicht ..."

Der Romanheld wehrt sich gegen die (wohlmeinende, aber auch egoistische, da eigene Verantwortung und Empathie verdrängende) Aufforderung, nun "die Greuel" zu vergessen und ein "neues Leben" zu beginnen. Er hält dagegen, dass er all dies nicht umsonst durchgemacht haben möchte, das es Teil seines Lebens sei:

"Man könne mir, das sollten sie doch versuchen zu verstehen, man könne mir doch nicht alles nehmen; es gehe nicht, dass mir weder vergönnt sein sollte, Sieger, noch, Verlierer zu sein, weder Ursache noch Wirkung, weder zu irren noch recht zu behalten; ich könne - das sollten sie doch versuchen, das einzusehen, so flehte ich beinahe schon: ich könne die dumme Bitternis nicht herunterschlucken, einfach nur unschuldig sein zu wollen."

Das Konzentrationslager zu vergessen hieße für ihn sein Schicksal zu verlieren - so erklärt sich der Titel des Romans am Ende.

 

Imre Kertész: "Roman eines Schicksallosen" (Originaltitel: "Sorstalanság", erschienen 1975), neu übersetzt von Christina Viragh, Rowohlt, Berlin 1996, ISBN 3-499-22576-X

 

30.8.10 11:30

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