Gedanken zu gelesenen Büchern

James Morrow: The Philosopher's Apprentice

 

Book Description (Amazon)

March 11, 2008

A brilliant philosopher with a talent for self-destruction, Mason Ambrose gratefully accepts an offer no starving ethicist could refuse. He must travel to a private tropical island and tutor Londa Sabacthani, a beautiful, brilliant adolescent who has lost both her memory and her moral sense in a freak accident. Londa's soul is an empty vessel—and Mason's job will be to fill it.

But all is not as it seems on Isla de Sangre. Londa's reclusive mother is secretly sheltering a second child whose conscience is a blank slate. Even as the mystery deepens, Mason confronts a frightening question: What will happen when Londa, her head crammed with lofty ideals and her bank account filled to bursting, ventures out to remake our fallen world in her own image?

 

I was impressed and absorbed with the fantastic story yet I expected more in-depth philosophical treatments. Mostly, ideas and schools are just touched and no explicit details about their basics and implications are conveyed. This is a bit disappointing and sorts the book into the level of an intelligent and creative novel. Anyway, it's worth reading it and maybe one feels like reading more about certain philosophical topics afterwards. One point is definitely captivating: It's the relentless revelation of cynism and inconsistency amongst post-rational Christian fundamentalists betraying not only their claimed values but also crushing against the facts and findings of modern science and ethics. Intriguing the story about the "artificially" built ethics of the heroine, breaking apart in the third part with wild efforts to "re-educate" the fundamentalist conservatives.

 

 

1 Kommentar 21.8.11 11:57, kommentieren

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Kurban Said (Essad Bey) - Ali und Nino

Essad Bey (eigentlich Lev Nussimbaum, ein aus Weißrussland stammender Jude, der später nach Deutschland emigrierte und dort zum Islam konvertierte) hat mit "Ali und Nino" eine faszinierende Liebesgeschichte zwischen Orient und Okzident geschaffen. Sie erzählt vom stolzen muslimischen Ali Khan Schirwanschir aus Aserbaidschan, der in die georgische Christin Nino verliebt ist.

Nach dem Abitur und unmittelbar vor der Oktoberrevolution, als seine Freunde sich bereits auf den Dienst in der zaristischen russischen Armee vorbereiten, versucht er, die Zustimmung von Ninos Eltern zu gewinnen, seine Frau zu werden. In ihren Gesprächen über die Zukunft nach dem großen Krieg wird deutlich, dass die aufgeklärte, gebildete Nino Sehnsucht nach europäischer Kultur verspürt, während Ali mit Herz und Tradition seinem orientalischen Heimatland und der Stadt Baku verbunden ist. In ihm widerstreiten die Gefühle aus den muslimischen Wurzeln seiner alten Familiengeschichte, der stolzen Khane Schirwanschir, mit der Bewunderung für die selbstbewusste und anspruchsvolle Nino, Tochter eines georgischen Fürsten.

Plötzlich wird er aus seinen Plänen und Träumen herausgerissen, als Nino von einem armenischen Nebenbuhler entführt wird. Gemeinsam mit seinen Freunden stellt er den Mann und bringt ihn um, wodurch er zwar seiner "Ehre" gerecht wurde und Ninos Leben nun in seiner Hand liegt, er aber von der Polizei gesucht und daher zur Flucht in ein Versteck in den daghestanischen Bergen gezwungen wird. In dieser schlichten Lebensgemeinschaft reflektiert er die Geschicke seines Volkes, bis eines Tages Nino vor ihm steht. Kurz darauf heiraten die beiden in muslimischem Ritus. Nino versucht aus Liebe ihr Bestes, sich dem einfachen und harten Leben in den Bergen anzupassen.

Die Geschichte nimmt mit der Russischen Revolution ihre Wendung; Ali und Nino können nach Baku zurückkehren, und Ali übernimmt militärische Verantwortung in der Verteidigung der Stadt gegen die Bolschewiken und für die muslimische Unabhängigkeit Aserbaidschans. Um Nino außer Gefahr zu bringen, soll sie bei seinen Verwandten im persischen Exil leben. Dort erfährt sie die im Vergleich zu Baku wesentlich konservativere muslimische Kultur im Teheraner Harem von Alis Onkel Assad. Sie empört die Gesellschaft durch ihr Verhalten; die explosive Mischung der Kulturen im Grenzgebiet von westlicher und östlicher Gesellschaft kommt plastisch zum Ausdruck.

Schließlich kehrt sie zurück nach Baku, um dort ein dem gesellschaftlichen Status Ali Khans gemäßes Domizil einzurichten, das sich freilich auch an den westlichen Standards orientiert. In diesem letzten Teil des Romans erreicht die Geschichte ihr dramatisches Ende, während Baku fällt gegen die russischen Bolschewiken. -

Dieses Buch bewegt durch die intensive Darstellung der widerstreitenden Werte und Traditionen, die den Erzähler Ali in innere Konflikte stürzen. Mit großer Ehrlichkeit und Authentizität werden dem Leser die Vorstellungen des Orientalen Ali nahegebracht, mit einer Selbstverständlichkeit, wie sie eigentlich nur von einem kulturellen Insider empfunden werden können. Der Leser nimmt daher vollständig die Sichtweise des traditionell geprägten, seine Kultur und Identität über alles liebenden Helden ein.

Die Schwierigkeiten in der Beziehung zu seiner großen Liebe Nino, deren christliche Prägung und deren intellektuelles Streben nach westlicher Kultur inmitten einer orientalischen Gesellschaft am Rande Europas den Muslim Ali immer wieder befremden und herausfordern, werden aus glaubhaft asiatischer Perspektive beschrieben und bewertet. Für den westlichen Leser ist dies eine faszinierende Variante der brandaktuellen Diskussionen um den "Clash of Civilizations". Der (im westlichen Sinne) hohe Bildungsgrad des Protagonisten erlaubt dabei eine gedankliche Auseinandersetzung, die für den westlichen Leser nachvollziehbar ist; gleichzeitig wird klar, wie schwierig die Loslösung von hochgeschätzten kulturellen Identitätsmerkmalen ist - die wir allzu häufig und selbstverständlich von den Menschen anderer Kulturkreise im Zuge der Modernisierung nach westlichem Muster erwarten.

Autor des Romans ist der Orient-Literat Essad Bey (eigentlich Lev Nussimbaum, 1905-1942). Als er aufgrund seiner jüdischen Herkunft auf der Flucht vor den Nationalsozialisten (deren Bewegung er sogar anfangs Sympathie entgegenbrachte) nach Italien umsiedelte, hinterließ er das Werk der Wiener Publizistin Elfriede von Ehrenfels, die es unter der Pseudonym Kurban Said veröffentlichte. Eine beeindruckende Darstellung seiner Biographie von Tom Reiss erschien 2005 unter dem Titel "The Orientalist" bei Random House, New York.

Kurban Said: "Ali und Nino" (erstmals erschienen 1937), List Taschenbuch, 2008, ISBN 978-3-548-60131-1

1 Kommentar 2.10.10 17:36, kommentieren

Imre Kertész - Roman eines Schicksallosen

Der 1929 geborene Autor Imre Kertész hat in seinem 1975 erschienenen Roman in Ich-Form die Erlebnisse des vierzehnjährigen jüdischen Jungen György Köves aus Budapest geschildert, der 1944 zunächst nach Auschwitz deportiert wird und anschließend in ein Arbeitslager bei Zeitz verlagert wird. Sein - durchaus nicht zu erwartendes - Überleben verdankt er einer Knieverletzung, aufgrund der er schließlich die Zeit bis zur Befreiung des Lagers durch die Amerikaner ca. ein Jahr nach seiner Verhaftung in der Krankenstation des Lagers Buchenwald verbringt.

Der Roman entwickelt sich aus der kindlichen Perspektive des Erzählers, der zunächst mit Verunsicherung den von Familie und Freunden dramatisch durchlebten Abschied seines Vaters zum "Arbeitsdienst" beschreibt (über dessen eigentliche Natur er nur vage Andeutungen von der Erwachsenen mitbekommt) und seinen neuen Tagesablauf als mit "Sondererlaubnis" auswärtig tätigen Zwangsarbeiters in einer Shell-Erdölraffinerie, nachdem er seine Gymnasialausbildung infolge der "Juden-Gesetze" abbrechen musste. 

Während des Bustransfers zu seinem Arbeitsplatz wird er eines Tages zusammen mit seinen Freunden verhaftet und anschließend per Güterwaggon zum Konzentrationslager Auschwitz deportiert.

Der so unvermittelt aus seinem Leben gerissene Junge nimmt die sich nun um ihn herum entwickelnden Ereignisse zunächst interessiert und staunend, ja stets mit gewissem Verständnis für die Umstände wahr. Die nüchterne, teils naive, teils frappierend kühl-logische Analyse der Vorgänge im Vernichtungs- und Arbeitslager erschüttert gerade durch ihre ruhige und unaufdringliche Erzählweise und die Dinge, die nicht gesagt werden, sich aber aus dem Kontext schließen lassen.

Neben der Verwunderung über gewisse Beobachtungen, etwa an sich selbst oder zwischen den Insassen und deren hierarchischer sozialer Struktur, Gruppenbildung usw. mischt sich paradoxerweise auch eine Art Bewunderung für die Organisation und das äußerlich ordentliche Auftreten der SS-Soldaten in dem kindlichen Beobachter.

Schritt für Schritt bewegt sich der Junge weiter im endlos scheinenden, entbehrungsreichen Lageralltag, nimmt Veränderungen zunächst an den anderen wahr, bis er feststellt, dass es vor allem die  Veränderungen an sich selbst sind, die seine Perspektive und seinen Bezugsrahmen verschieben.

Zum Ende des Romans entwickelt der junge Mann, denn als solcher muss er nach den tiefgreifenden Erfahrungen nun gelten, eine unglaublich klare, in ihrer Einfachheit berührende Sichtweise der Geschehnisse: Alle, die im Lager gefangenen und schließlich meist ermordeten Menschen, aber auch die Täter, Mittäter und Untätigen, sie alle gingen "Schritt für Schritt", in kleinen Zeiteinheiten, weiter in eine Zukunft, die zu jedem Zeitpunkt auch eine andere Wendung hätte nehmen können.

Rückblickend denkt der Leser an entscheidende, oft zufällige Details, etwa, dass der Junge gleich bei der Ankunft den lebensrettenden Hinweis von Mithäftlingen erhält, dass er unbedingt "16 Jahre alt sei" und "arbeiten wolle". So entgeht er dem sicheren Tod in den Gaskammern von Auschwitz ohne es zu wissen, obgleich ihm bereits nach kurzer Zeit klar wird, was es mit den Krematorien des Konzentrationslagers auf sich hat.

Auch die - auf seine Worten aggressiv und beleidigt reagierenden - alten Bekannten, die er zuletzt in Budapest wieder trifft, seien in ihrem Kampf ums "Überleben" im Krieg Schritt für Schritt ihren Weg gegangen, der auch anders hätte verlaufen können, uns so "kam" es zu den Deportationen, so "kam" der Krieg, so "kam" die Vernichtung, "kam" der Hunger, ... - die Formulierung, die von den unbeteiligt Beteiligten gern in schicksalergebener Weise verwendet wurde. Er macht daraus keine Vorwürfe, er sieht es vielmehr als sachliche Analyse, als Erklärung für das Unfassbare:

"Die Zeit hilft bei allem, und ich versuchte ihm zu erklären, wie es ist, an einem nicht gerade luxuriösen, im ganzen aber doch annehmbaren, sauberen und hübschen Bahnhof anzukommen, wie einem alles erst langsam, in der Abfolge der Zeit, Stufe um Stufe klar wird. Wenn man die eine Stufe hinter sich gebracht hat, sie hinter sich weiß, kommt bereits die nächste. Wenn man dann alles weiß, hat man auch alles bereits begriffen. ...  Gäbe es jedoch diese Abfolge in der Zeit nicht und würde sich das ganze Wissen geich dort auf der Stelle über uns ergießen, so hielte es unser Kopf vielleicht gar nicht aus, und auch unser Herz nicht ..."

Der Romanheld wehrt sich gegen die (wohlmeinende, aber auch egoistische, da eigene Verantwortung und Empathie verdrängende) Aufforderung, nun "die Greuel" zu vergessen und ein "neues Leben" zu beginnen. Er hält dagegen, dass er all dies nicht umsonst durchgemacht haben möchte, das es Teil seines Lebens sei:

"Man könne mir, das sollten sie doch versuchen zu verstehen, man könne mir doch nicht alles nehmen; es gehe nicht, dass mir weder vergönnt sein sollte, Sieger, noch, Verlierer zu sein, weder Ursache noch Wirkung, weder zu irren noch recht zu behalten; ich könne - das sollten sie doch versuchen, das einzusehen, so flehte ich beinahe schon: ich könne die dumme Bitternis nicht herunterschlucken, einfach nur unschuldig sein zu wollen."

Das Konzentrationslager zu vergessen hieße für ihn sein Schicksal zu verlieren - so erklärt sich der Titel des Romans am Ende.

 

Imre Kertész: "Roman eines Schicksallosen" (Originaltitel: "Sorstalanság", erschienen 1975), neu übersetzt von Christina Viragh, Rowohlt, Berlin 1996, ISBN 3-499-22576-X

 

1 Kommentar 30.8.10 11:30, kommentieren

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